Freitag, 2. August 2013

Festansprache zur Bundesfeier

Als ich ungefähr acht, neun Jahre alt war, habe ich die Tellspiele in Interlaken gesehen. Mein Vater erzählte mir, auf der Freilichtbühne würden auch Tiere mitspielen, Pferde, Geissen und Kühe, am Anfang werde ein richtiger Alpaufzug auf der Freilichtbühne dargestellt. Als ich im Publikum sass und gespannt auf den Anfang der Vorstellung wartete, habe ich im Programmheft geblättert, und was habe ich da gelesen? Erster Aufzug – zweiter Aufzug – dritter Aufzug – nicht nur ein Alpaufzug, sondern deren fünf sollte es geben! Erst nach der Vorstellung habe ich mir erklären lassen, was „Aufzug“ in einem Theaterstück bedeutet.



Besonders gespannt war ich natürlich, wie der Apfelschuss auf der Bühne dargestellt werden würde. Der Schauspieler kann doch nicht richtig schiessen, das wäre viel zu gefährlich. Mein Vater – Lehrer für Deutsch und Geschichte, und auch gelegentlich selbst als Regisseur tätig, also ein Experte – erzählte mir, der kleine Walther würde einfach den Apfel vom Kopf fallen lassen, und es liege ein zweiter Apfel bereit, der von Anfang an mit einem Pfeil durchbohrt sei. Den würde Walther aufheben und zeigen. Ich konnte mir das nicht so recht vorstellen. Das Publikum würde diesen „Bschiss“ doch zweifellos mitbekommen! Ich selbst war jedenfalls überzeugt, ich würde mich durch das sonstige Geschehen nicht ablenken lassen, ich würde den Apfelschuss beobachten.

So nahm das Schauspiel seinen Lauf: Wilhelm Tell und der kleine Walther sind zusammen unterwegs, sie kommen beim Hut auf der Stange vorbei, den alle grüssen sollen, und Tell unterlässt es. Die Wächter des Hutes stellen ihn zur Rede, wollen ihn ins Gefängnis werfen. Verschiedene Landleute aus Uri, Schwyz und Unterwalden, welche dazustossen, ergreifen für Tell Partei. Da betritt der Landvogt Hermann Gessler die Bühne, hoch zu Ross, mit bewaffnetem Gefolge und in Begleitung von zwei Landadligen, Ulrich von Rudenz und Bertha von Brunek. Gessler weiss, dass Tell als guter Armbrustschütze bekannt ist. Er treffe auch einen Vogel im Flug, und schiesse einen Apfel auf hundert Schritte vom Baum. Als Strafe für Tells Ungehorsam verfügt Gessler, Tell müsse einen Apfel vom Kopf seines Sohnes Walther schiessen: auf achtzig Schritte, nicht auf hundert – das ist Gesslers Verständnis von Gnade. Natürlich sind alle empört, ausser dem kleinen Walther, der der ruhigen Hand seines Vaters vertraut. Das Landvolk und Bertha von Brunek versuchen, Gessler von seiner Forderung abzubringen. Als Gessler weiterhin an der Strafe festhält und Tell sich zum Schuss bereit macht, tritt Ulrich von Rudenz vor. Er sagt, Gessler habe den Bogen überspannt und das Spiel zu weit getrieben. Zwischen ihm und dem Landvogt entspinnt sich ein heftiges Streitgespräch. Der junge Hitzkopf gerät mehr und mehr in Rage, er sagt, wenn Gessler nicht in den Diensten des Kaisers stünde, würde er ihn zum Kampf herausfordern, und als die bewaffneten Knechte des Landvogts Rudenz ergreifen wollen, geht er bedrohlich auf Gessler zu, die Lage spitzt sich zu. Er zieht er sein Schwert, das Ritterfräulein Bertha von Brunek fährt dazwischen… und in genau diesem Moment ruft Werner Stauffacher: „Der Apfel ist gefallen.“

Sie ahnen es: meinen Vorsatz, den Apfelschuss zu beobachten, habe ich nicht halten können. Friedrich Schiller hatte es geschafft, mich an der Nase herumzuführen, und ich wette, auch Sie haben beim Zuhören einen Moment lang vergessen, dass da ja noch ein Apfelschuss im Gang war. Friedrich Schiller war eben ein Meister der Dramaturgie.

Allerdings: beim Namen „Friedrich Schiller“ am Bundesfeiertag könnte einem auch unbehaglich werden. Denn Friedrich Schiller war – ein Deutscher. Und er erzählt die Schweizer Gründungsgeschichte: Den Rütlischwur, den Apfelschuss, das Aufbegehren gegen fremde Vögte. Kann das denn sein? Der Apfelschuss, dieser Gründungsmythos der Schweizerischen Eidgenossenschaft, dieses Symbol von Eigenständigkeit und Freiheit, das sich tief ins Schweizer Nationalbewusstsein eingegraben hat, stammt dieser Apfelschuss etwa aus Deutschland? Nein, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich kann Sie beruhigen, der Apfelschuss stammt nicht aus Deutschland. – Er stammt aus Dänemark.

Ja, die Geschichte vom Apfelschuss ist eine Wanderlegende. Lange vor dem Weissen Buch von Sarnen, in dem die Geschichte von Wilhelm Tell aufgezeichnet ist, gibt es bereits Heldensagen von skandinavischen Kunstschützen, die Äpfel, Nüsse und andere Gegenstände von den Köpfen ihrer Verwandten geschossen haben. Die älteste Fassung, die schriftlich erhalten ist, steht in den Gesta Danorum, deutsch „Taten der Dänen“, einem lateinisch geschriebenen Geschichtswerk, das bereits um 1200 entstanden ist. Darin ist der Held der Schütze Toko, der Tyrann, der den Apfelschuss fordert, ist der dänische König Harald Blauzahn, der im 10. Jahrhundert lebte, 300 Jahre vor Wilhelm Tell und Hermann Gessler. Die Geschichte von Toko und Harald Blauzahn weist viele Ähnlichkeiten mit der Geschichte von Tell und Gessler auf. Unter anderem nimmt Toko, wie später auch Tell, einen zweiten Pfeil aus dem Köcher, um den König zu töten wollen, falls er den Apfel verfehlt und seinen Sohn trifft. Ähnliche Apfelschuss-Geschichten gibt es später auch aus Norwegen, Deutschland und England.

Was lernen wir daraus? Zum Beispiel, dass die Wiege der Eidgenossenschaft multikulturell war. Die Apfelschussgeschichte, die so oft als Symbol der Abschottung dient, kann zugleich ein Symbol der Öffnung sein, denn dieser eidgenössischen Gründungslegende standen Vorbilder aus anderen Ländern Pate. Der Apfelschuss ist ein Importschlager.

Und das gilt nicht nur für den Apfelschuss. Vieles, was uns Schweizerinnen und Schweizern wichtig ist, was unser Land ausmacht und typisch ist, haben wir nicht selber erfunden. Die Demokratie? Wurde vor 2600 Jahren im antiken Athen erfunden. Menschenrechte? Davon spricht als erster ein spanischer Dominikanermönch im 16. Jahrhundert. Schokolade? Eine Erfindung der Azteken. Käse? Ist erstmals in der Jungsteinzeit im heutigen Polen archäologisch nachgewiesen.

Müssen wir deshalb unser Licht unter den Scheffel stellen? Uns vielleicht sogar schämen, dass wir so vieles, was wir als nationale Eigenarten betrachten, abgekupfert haben? Ist die Schweiz ein Plagiat? Nein, ich denke nicht. Schillers „Wilhelm Tell“ ist schliesslich auch kein Plagiat, sondern eine eigenständige Interpretation des Tell-Stoffes. Genauso sind Schweizer Käse, Schweizer Schokolade und auch unsere Demokratie und unser Rechtsstaat Interpretationen eines uns vorgegebenen Themas.

Und es sind sehr erfolgreiche Interpretationen. Wir sind zwar nicht die älteste Demokratie der Welt, wie wir bisweilen sagen. Aber wir sind eine sehr erfolgreiche, gut und völlig selbstverständlich funktionierende Demokratie. Demokratie ist für unser Staatswesen so selbstverständlich, so alltäglich, dass wir aufpassen müssen, nicht wahl- und abstimmungsfaul zu werden. Und sie funktioniert. In unserem Land geschehen fast nie Unregelmässigkeiten bei Wahlen und Abstimmungen. Man hört nur ganz selten davon, dass ein Kandidat in seinem Freundeskreis beim Wahlzettelausfüllen „hilft“, oder dass ein Nationalrat die Abstimmungsknöpfe seines Sitznachbarn drückt (Sie merken, ich rede heute parteipolitisch neutral). Aber Wahlfälschung, Korruption, systematischer Wahlbetrug gar – das sind für uns Fremdwörter; unsere Demokratie funktioniert! Darauf, auf ihr selbstverständliches Funktionieren, dürfen wir stolz sein – nicht auf ihr Alter.

Allerdings – was selbstverständlich funktioniert, birgt auch seine Gefahren. Zum Beispiel die Gefahr der Überheblichkeit, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen, in denen die Demokratie nicht so gut funktioniert wie bei uns. Oder die Gefahr, sie für allzu selbstverständlich zu halten, wo sie doch eine hohe Errungenschaft ist, die auch in unserem Land erkämpft werden musste. Wer die Schweizer Geschichte kennt, der weiss, dass Demokratie Zeit braucht und reifen muss, bevor sie so selbstverständlich funktioniert wie bei uns – es braucht mehr als einen arabischen Frühling, um einen demokratischen Rechtsstaat zu etablieren.

Oder es gibt die Gefahr, die Grundidee einer Sache zu vergessen, die so selbstverständlich geworden ist. Lassen Sie mich Peter Bichsel zitieren: „Dass in der Demokratie mit Recht die Mehrheit entscheidet, führt zu der falschen Annahme, dass die Demokratie eine Sache der Mehrheit sei. Die Grundidee der Demokratie ist aber nicht die Mehrheit, es sind die vielen Minderheiten.“ Soweit Bichsel, und ich finde, er hat recht, besonders für die Schweiz. Unsere Interpretation der Demokratie funktioniert deshalb so gut, weil wir nicht eine Mehrheit und eine Minderheit haben, die sich als Regierung und Opposition gegenüberstehen, sondern weil wir eine ganze Reihe von Minderheiten haben, die sich zu Mehrheiten zusammenraufen – je nach Sachfrage mal so, mal so. Die Grundidee der Demokratie ist nicht die Mehrheit, die diktiert, sondern viele Minderheiten, die gemeinsam einen Weg suchen, und weil unser Staat so funktioniert, ist Demokratie bei uns ein solches Erfolgsmodell.

Oder nehmen wir ein anderes Erfolgsmodell, unsere Rechtsstaatlichkeit, unsere humanitäre Tradition und die Achtung der Menschenrechte. Bei uns ist es völlig selbstverständlich, dass man die Regierung öffentlich kritisieren darf. Ich könnte, wenn ich wollte, hier und jetzt der Regierung die Leviten lesen – dann würde ich zwar nie mehr als Redner eingeladen, ich käme vielleicht ins Oltner Tagblatt, aber nicht ins Gefängnis. Und weil das bei uns so selbstverständlich ist, betrachten wir Menschenrechte oft als etwas, das nur chinesische Oppositionelle betrifft. Aber die Menschenrechte spielen auch in unserem Land eine manchmal unbequeme, aber dennoch ganz wesentliche Rolle. Unbequem deswegen, weil die Menschenrechte eben nicht nur für unschuldig unterdrückte Freiheitskämpfer gelten, sondern auch für Schuldige, für Schwerverbrecher, für Verurteilte. Auch für einen mutmasslichen Kinderschänder gilt die Unschuldsvermutung; auch ein Mörder hat das Recht auf einen fairen Prozess; und selbst wenn jemand rechtskräftig verurteilt ist, sind gewisse grausame Strafen tabu. Gewisse Rechte sind derart grundlegend, dass sie dem Menschen auch dann noch zukommen, wenn er zum Unmenschen geworden ist.

Wohlverstanden: Menschenrechte bedeuten nicht, dass der Schuldige straflos ausgeht. Als Pfarrer glaube ich zwar von Amtes wegen an das Gute im Menschen, weiss aber auch, dass ein Rechtsstaat nicht ohne Gesetze auskommt, welche das Recht schützen und den Gesetzesbrecher zur Rechenschaft ziehen und bestrafen. Ein Beharren auf Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit besagt aber, dass der Schuldige nur diejenige Strafe bekommen darf, die das Gesetz vorsieht, und keine andere, willkürliche. Es ist ganz wesentlich, diese Grundgedanken der Rechtsstaatlichkeit auch dann nicht zu vergessen, wenn der Rechtsstaat in der Praxis reibungslos funktioniert. Denn sonst begeben wir uns in die Gefahr, zu vergessen, dass der Rechtsstaat wie die Demokratie eine hohe Errungenschaft ist, die man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen darf.

Wenn wir den Rechtsstaat aufs Spiel setzen; wenn wir sagen, einer sei ganz selber schuld, wenn man seine Rechte missachte und ihn unmenschlich behandle, er habe es nicht anders verdient; wenn wir rechtsstaatliche Prinzipien Willkürentscheiden opfern, selbst wenn diese Willkürentscheide demokratisch legitimiert sein sollten; dann, ja dann stellen wir uns nicht auf die Seite Tells, sondern auf die Seite Gesslers. Er spricht die grausame und unmenschliche Strafe aus, Wilhelm Tell müsse den Apfel vom Kopf seines Sohnes schiessen. Er hält willkürlich an dieser Strafe fest, obwohl er auf Widerstand stösst. Er verspricht, Tells Leben zu schonen, wenn er ihm den Zweck des zweiten Pfeils verrät, nimmt ihn aber gefangen. Auf diese Stufe stellen wir uns, wenn wir im eigenen Land die Menschenrechte nicht genauso verteidigen, wie wir es von anderen Staaten fordern.

Natürlich ist Gessler eine überzeichnete Figur, der typisierte Tyrann, wie auch Wilhelm Tell der typisierte Freiheitskämpfer ist. Und die Bundesfeier soll uns auch daran erinnern, dass wir nicht, nur weil wir Schweizerinnen und Schweizer sind, auch automatisch Tells Nachkommen sind. Nein, auch wenn Demokratie und Rechtsstaat völlig selbstverständlich funktionieren – gerade wenn Demokratie und Rechtsstaat völlig selbstverständlich funktionieren – müssen wir doch genau darauf achten, dass wir sie als hohe Errungenschaften schätzen und pflegen, damit wir uns weiterhin als Nachfahren Tells und nicht als Nachfahren Gesslers betrachten dürfen.

Schönenwerd, den 1. August 2013
Adrian Suter

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