Montag, 6. Mai 2013

Wie der Muttertag in die Schweiz kam



Der zweite Maisonntag des Jahres 1930 war ein besonderer Tag: Zum ersten Mal wurde in der Schweiz in grossem Stil der Muttertag begangen. Ein Importschlager aus Amerika, bei dem die Kirchen und die Floristen gemeinsame Sache machten.


Ann Jarvis aus Grafton in West Virginia, geboren 1864 als Tochter eines Methodistenpfarrers, hatte ein klares Ziel vor Augen: Sie wollte einen Ehrentag für alle Mütter einführen. Bereits ihre eigene Mutter, Anna Reeves Jarvis, hatte sich in Wohltätigkeitsinitiativen für Mütter engagiert, speziell für mehr Hygiene und Gesundheit in der Arbeiterschaft, gegen Kindersterblichkeit, für Haushalthilfen erkrankter Mütter. Am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter, führte Ann Jarvis einen persönlich gehaltenen Gedenktag für ihre Mutter und für alle Mütter durch, die mit ihr in solchen Wohltätigkeitsinitiativen zusammengearbeitet hatten. Ein Jahr später, wiederum am zweiten Maisonntag, rief sie zu einem generellen Gedenktag für alle Mütter auf: Der Muttertag war geboren.

Fünfhundert weisse Nelken


Die Muttertagsfeier in der Methodistenkirche in Grafton wurde von Ann Jarvis geprägt, indem sie fünfhundert weisse Nelken an die Mütter des Ortes verteilen liess. 1908 war die Feier noch lokal beschränkt, doch innert weniger Jahre verbreitete sich das Fest über die ganzen Vereinigten Staaten von Amerika. Ann Jarvis trug das Ihre dazu bei, indem sie unzählige Briefe schrieb, um Menschen in Kirche und Politik für ihr Anliegen zu gewinnen. Einen grossen Teil ihrer Lebenszeit und ihres Vermögens stellte sie in den Dienst ihrer Vision, dem Gedenktag zu Ehren der Mütter zum Durchbruch zu verhelfen.

Mit der Verbreitung änderte sich auch der Charakter des Tages. Zwar spielte die kirchliche Feier des Muttertags, bei der oft Kinder mitwirkten, die Söhne eine weisse Nelke im Knopfloch trugen und die Töchter Blumen an die anwesenden Mütter überreichten, weiterhin eine wichtige Rolle. Doch der Muttertag war nicht mehr nur kirchlicher, sondern staatlicher Feiertag: Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson erliess 1914 nach einem entsprechenden Beschluss des Kongresses eine Proklamation, am zweiten Sonntag im Mai zu Ehren der Mütter alle öffentlichen Gebäude zu beflaggen.

Idealisten, Floristen und die Presse


In der Schweiz verbreitete sich der Muttertag ab 1914 nur in einigen Orten der Romandie, initiiert durch die Unions Chrétiennes des Jeunes Gens, und ab 1917 unter den Angehörigen der Heilsarmee. Die breite Öffentlichkeit liess sich erst gewinnen, als die Geschäftswelt das Potenzial dieses neuen Brauches entdeckte. Der Berufsverband der Floristen, aufmerksam gemacht durch ihre Kollegen in Deutschland, ergriff nach positiven Erfahrungen seiner Genfer Sektion die Initiative, für den zweiten Maisonntag 1930 schweizweit zu einem Muttertag aufzurufen. Andere Berufsverbände, wie derjenige der Konditormeister, schlossen sich der Initiative an.

Es bildeten sich ein Zentralkomitee und mehrere Ortskomitees, die öffentliche Aufrufe zur Feier des Muttertags veröffentlichten. Neben den Berufsverbänden, welche den nötigen finanziellen Rückhalt boten, waren darin Prominente aus Kirche, Bildungswesen und Politik vertreten, welche die Vision einer Ehrung der Mütter unterstützten und das Anliegen in der Öffentlichkeit vertraten, in Bern keine Geringere als Frau Musy, die Gattin des Bundespräsidenten. Mit Presseartikeln, Rundschreiben an Pfarrer und Lehrkräfte, Flugblättern und Plakaten wurde die Öffentlichkeit auf den neuen Festtag aufmerksam gemacht.

Die Kirchen und der Muttertag


Die Haltung der Kirchen zum neuen Fest war zwiespältig. Der Muttertag hatte keine Grundlage im liturgischen Kalender. Trotzdem ging er auf kirchliche Initiativen zurück, und viele Pfarrer gehörten zu seinen eifrigsten Verfechtern. „Was Mütter tun, ist Gottesdienst im Alltage. Darum wollen wir… durch Gebet und Predigt der Mutter als Mitarbeiterin Gottes gedenkten“, so schrieb ein reformierter Pfarrer am 10. Mai 1930 in der Oberbaselbieter Zeitung „Volksstimme“. Andere standen dem Muttertag skeptisch gegenüber, sahen darin eine heidnische Feier und ein Zeichen der Entchristlichung der Gesellschaft.

Interessant der Zusammenhang, der in den unterschiedlichen Konfessionen zwischen dem Muttertag und der Marienverehrung gesehen wurde. Römisch-katholische Pressestimmen legten wert darauf, dass der Monat Mai ohnehin der Gottesmutter Maria geweiht sei und sahen im Muttertag eine Konkurrenzveranstaltung – sie beriefen sich dabei auf den Münchner Kardinal Michael von Faulhaber. Als sich die römisch-katholische Kirche in den folgenden Jahrzehnten mit dem Fest mehr und mehr anfreundete, und ihm durch die ausdrückliche Verbindung mit der Marienverehrung eine religiöse Weihe gab, befürchteten nun plötzlich die Reformierten, die so gefeierte und verehrte Mutter könne zu einer Art Madonna werden und die Marienverehrung überhand nehmen. Insgesamt hat sich der Muttertag aber, so zeigt eine Umfrage 1955, zu einem Familienfest entwickelt, religiöse wie auch öffentliche Feiern treten in den Hintergrund.

Und meine eigene Kirche, die Christkatholiken? Ein Gewährsmann berichtete in der besagten Umfrage, dass der christkatholische Pfarrer von La Chaux-de-Fonds jeweils Narzissen segne und von den Jugendlichen an die Mütter verteilen lasse.

Kommerz - und die Folgen


Oft kritisiert wurde (und wird) die Kommerzialisierung des Brauches. Schon die Gründerin Ann Jarvis hatte sich davon distanziert, als die amerikanische Geschäftswelt sich des Tages bemächtigten und zum Geschenkfest umgestalteten. Auch bei der Einführung in der Schweiz wurde diese Art von Kritik laut. Es ist aber, bei aller nötigen Kritik an der Kommerzialisierung nicht nur dieses Festes, zuzugeben, dass sich der Festtag nur mit Hilfe der Floristen und Konditoren überhaupt durchsetzen konnte.

Die Kommerzialisierung hat auch skurrilen Folgen. So war in vielen deutschen Kalendern 2008 ein falscher Muttertagstermin eingetragen. Da der Muttertag kein gesetzlich verankerter Feiertag ist, beruht sein Termin auf Übereinkunft der Wirtschaftsverbände, insbesondere der Floristen, die den Muttertag auf den zweiten Maisonntag festlegten. Da dies aber 2008 zugleich das Pfingstwochenende war und mancherorts Sonntagsverkäufe an Pfingsten verboten sind, kam es zu Diskussionen zwischen dem Einzelhandel und den Kalenderverlagen, den Muttertag zu verschieben. Nach längerem Hin und Her wurde dies zwar abgelehnt, doch zum Zeitpunkt der Entscheidung waren viele Kalender bereits gedruckt und trugen das in der Diskussion vorgeschlagene Alternativdatum.

Überhaupt liegt das Muttertagsdatum recht zufällig – keineswegs überall in der Welt orientiert man sich an Anna Reeves Jarvis' Todestag und feiert den Muttertag am zweiten Maisonntag. In Grossbritannien feiert man den Muttertag am vierten Fastensonntag, in Frankreich am letzten Maisonntag. In vielen ehemals kommunistischen Ländern nimmt der 8. März, der Internationale Frauentag der UNO, die Rolle des Muttertags ein, und in der Mongolei wird sogar zweimal Muttertag gefeiert: am 8. März und am 1. Juni.

Bei uns ist der Muttertag dieses Jahr - 2013 - am 12. Mai. Schenkt Euren Müttern Blumen, backt ihnen Kuchen oder verwöhnt sie auf andere Art! Ein Brauch ist nicht schon deswegen schlecht, weil er aus Amerika kommt und kommerzialisiert wurde.

Dieser Artikel stützt sich auf Eduard Strübin, Muttertag in der Schweiz, Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 52 (1956), S. 95-121, sowie auf verschiedene Internetquellen. Er wurde erstmals veröffentlicht im Christkatholischen Kirchenblatt Nr. 9/2009.

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