Samstag, 9. März 2013

Rotund, bleckig, stromabwärts und katholisch

Als die alten Ägypter auf einem Feldzug an den Euphrat kamen, waren sie verwirrt: Dieser Fluss fliesst nach Süden, nicht wie der Nil nach Norden. Das wäre an sich nicht weiter schlimm, aber den Ägyptern fehlten in ihrer Sprache die Begriffe, um das auszudrücken. - Das ist dreieinhalbtausend Jahre her, und doch geraten wir noch heute in ähnliche Situationen.


Rotund und bleckig

Ich weiss nicht mehr, wo ich dieses philosophische Gedankenexperiment gelesen habe: Man stelle sich einen Planeten vor, auf dem alle roten Gegenstände rund und alle blauen Gegenstände eckig sind. Man stelle sich weiter vor, die Lebewesen auf diesem Planeten hätten eine Sprache entwickelt, in der es einen Begriff "rotund" gibt für alle gegenstände, die rot und rund sind, sowie einen Begriff "bleckig" für alles, was blau und eckig ist - aber keine unabhängigen Begriffe für Farbe und Form. Wie würden diese Lebewesen reagieren, wenn sie plötzlich auf einen Planeten versetzt würden, auf dem es Gegenstände gibt, die rot und dreieckig, sowie andere, die blau und rund sind?

Was man sicher sein kann: diese Lebewesen wären verwirrt. Und vor allem: sie hätten keine angemessenen Begriffe, um diese Gegenstände zu beschreiben. Denn wie müsste man einen Gegenstand beschreiben, der rot und dreieckig ist? Er wäre, in gewisser Hinsicht, rotund, in anderer Hinsicht aber auch wieder nicht, sondern vielmehr bleckig - aber auch das wäre er nicht in jeder Hinsicht. Er wäre zugleich rotund und nicht rotund, zugleich bleckig und nicht bleckig.

Ohne jetzt auf die komplexen philosophischen Hintergründe von Begriffen und Konzepten der Weltbeschreibung und ihrem Einfluss auf unsere Wahrnehmung einzugehen, möchte ich Beispiele nennen, dass es für diese Art von verwirrenden Begriffen auch reale Fälle gibt, nicht nur konstruierte wie unsere Begriffe "rotund" und "bleckig". Das erste Beispiel ist historisch, das zweite aktuell.

 

Der verkehrte Fluss

Wenn wir ins alte Ägypten gehen, so können wir feststellen, dass es einen Begriff gab, der zugleich "nach Norden" und "stromabwärts" bedeutete, während der Gegenbegriff "nach Süden" gleichzeitig "stromaufwärts" bedeutete. Das war natürlich der Flussrichtung des Nils geschuldet. In Ägypten kannte man nichts anderes, als diesen Fluss, der nach Norden, also stromabwärts fliesst.

Nun war Ägypten aber eine Grossmacht, und Pharao Thutmosis I. (1506-1494 v. Chr.) hat Feldzüge bis Mesopotamien unternommen. Dort gelangte er an den Euphrat, und der fliesst nach Süden. Auf der Stele von Tombos hat er diese denkwürdige Erfahrung festgehalten und geschrieben, die Nordgrenze seines Reiches erstrecke sich "bis zu jenem Fluss, der verkehrt fliesst, der stromabwärts fliesst, wenn er stromaufwärts fliesst."*

 

Katholisch

Wir können über die alten Ägypter lächeln - aber wir sind bis heute nicht davor gefeit, in ähnliche Situationen zu kommen. Ich habe den Eindruck, für viele Menschen sei der Begriff "katholisch" ganz ähnlich wie "stromaufwärts" bei den alten Ägyptern oder "bleckig" in unserem Gedankenexperiment. Für sie ist die jurisdiktionelle Rolle des Papstes so sehr mit dem Begriff "katholisch" verbunden, dass es ihnen nicht sachlich, sondern schon rein begrifflich Mühe macht, zu verstehen, was christkatholisch ist: wie kann eine Kirche katholisch sein und doch nicht dem Papst unterstellt? Ist sie dann nicht "unkatholisch, wenn sie katholisch ist", genauso wie der Euphrat eben "stromabwärts fliesst, wenn er stromaufwärts fliesst"?

Wenn die Lebewesen unseres fiktiven Planeten plötzlich mit Gegenständen konfrontiert sind, die rot und eckig oder blau und rund sind, die sie nicht kennen und für die sie keine geeigneten Begriffe haben, so sind diese Gegenstände für sie eine empirische Anomalie: ihre Wahrnehmungswelt entspricht nicht ihrer begrifflichen Welt. Genauso ist es Pharao Thutmosis I. und seinem Heer ergangen: der Euphrat war für sie eine empirische Anomalie, etwas, das in ihrer begrifflichen Welt nicht vorgesehen war. Ein Fluss hatte nach Norden zu fliessen.

Solche empirischen Anomalien zwingen uns zur Erweiterung unseres Begriffsfeldes: "Rotund" reicht nicht mehr, wir müssen jetzt "rot" und "rund" unterscheiden und die beiden Eigenschaften einem Gegenstand ubnabhängig voneinander zuordnen. "Stromabwärts" als Richtungsangabe ist nicht mehr genug, man muss es von "nach Norden" unterscheiden, um auch einen Fluss korrekt beschreiben zu können, der stromaufwärts, entschuldigung, nach Süden fliesst. Und genauso zwingt schon allein die Existenz der christkatholsichen Kirche dazu, "katholisch" und "päpstlich" begrifflich zu unterscheiden.

Wohlverstanden: begrifflich zu unterscheiden. Man kann selbstverständlich immer noch der Meinung sein, beides sollte besser zusammen gehören. Aber wenn man darauf beharrt, beides mit dem gleichen Begriff zu beschreiben, bekommt man die gleichen Probleme wie die Lebewesen auf dem fiktiven Planeten, auf dem alles rotund und bleckig ist, wenn sie sich auf einen anderen Planeten begeben.

* Zitiert nach Herbert Donner, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachgarn in Grundzügen, Teil 1: Von den Anfängen bis zur Staatenbildungszeit, Göttingen 1984, S. 33.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen